Geschichte

Mein Name ist Nickie. Ich bin die Gründerin von Vision Guatemala. Hier erzähle ich die Entstehungsgeschichte der Organisation aus meiner Perspektive. Viel Spass beim Lesen!

2009

Schon vor meiner Reise nach Guatemala hatte ich über Mikrofinanz als Instrument der Armutsreduktion gelesen. Zum besseren Verständis absolvierte ich ein Praktikum bei der Organisation Grameen aus Bangladesh, die in Guatemala über die lokale Bank “Banrural” operierte. Dort lernte ich Basics über das Funktionieren von Mikrokrediten und Sparprogrammen. Von Quetzaltenango aus besuchte ich umliegende begünstigte Dörfer und gründete dort schon bald die erste Gruppe von Frauen, die an der Investition eines Mikrokredits in ihr eigenes Business interessiert waren.

Inspiriert machte ich mich ans Schreiben des ersten Projektantrags. Der Name Vision Guatemala war geboren.

Die Idee wurde auf Anhieb von drei Schweizer Stiftungen mit einem kleinen finanziellen Beitrag unterstützt. Ende 2009 wurden die ersten Mikrokredite an 12 Frauen vergeben. Diese wurden erfolgreich investiert und im Verlauf der nächsten vier Monate zurückbezahlt.

2010

Nach ein paar Monaten wurde es mir in Quetzaltenango zu kalt. Seit Beginn hatte ich mit einem lokalen “field officer” des Grammeen-Programms zusammengearbeitet. Er machte sich für die regelmässigen Zahlungssitzungen mit den Frauen verantwortlich, während ich nach einem neuen Standort suchte. Ich lebte für kurze Zeit an der Pazifikküste und reise monatlich nach Quetzaltenango, um die Frauen zu treffen. Ich stellte fest, dass das Projekt bereits eine Eigendynamik entwickelt hatte. Die Frauen luden neue Mitglieder zur Teilnahme ein, allerdings ohne die bestehenden Regeln und Abläufe zu beachten. Dies brachte mich zur Erkenntnis, dass ich mich zur erfolgreichen Umsetzung meiner Idee an einem Ort niederzulassen hatte, wo ich in den lokalen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext eintauchen konnte, um die Leute zu kennen und zu verstehen, um so auf ihre Bedürfnisse gezielt eingehen zu können.

San Pedro La Laguna am Atitlansee, eine praktisch 100% indigene Region, wurde mein neues Zuhause. Die Eröffnung der “Coco’s Bar” diente der Deckung meiner Lebensunterhalts- und Umtriebskosten. Nachts wurden Getränke ausgeschenkt und tagsüber in der gleichen Infrastruktur Frauengruppen betreut. Ich erarbeitete ein umfassendes Trainingsprogramm, um die Frauen auf die Kredit- und Business-Administration vorzubereiten. Innert kürzester Zeit interessierten sich viele Frauen für diese neue Option und wurden nach und nach integriert.

2011-2012

2011 war ein wichtiges Jahr für Vision Guatemala, das Geburtsjahr des Kinder- und Jugendförderungsprogramms. Vision Guatemala hatte sein Wirken bereits von San Pedro auf die Nachbargemeinde San Juan ausgedehnt. Frauen aus der marginalisierten Bevölkerungsschicht schlossen sich selbständig zu fünf- bis siebenköpfigen Arbeitsgruppen zusammen. Das immer komplexer werdende Businesstraining-Programm verlangte nach einer Übersetzerin, da die indigenen Frauen Tz’utujil sprechen und wenig bis gar kein Spanisch verstehen. Rosalia, eine der erfolgreichsten und interessiertesten Teilnehmerinnen, meldete sich als Volontärin. Dank ihrer Fähigkeit, die Lerninhalte dem lokalen Kontext gezielt anzupassen, wurde sie schnell zur zentralen Ressource für Vision Guatemala.

Die ersten Jahre Erfahrung zeigten, dass die Frauen trotz ihrer harten Arbeit Schwierigkeiten hatten, ihre oftmals zahlreichen Kinder zur Schule gehen zu lassen, da dafür zu wenig Unterstützung vom Staat erwartet werden kann. Wir erachteten es deshalb als notwendig, auch die nächste Generation, Kinder der erfolgreichen Visionsfrauen, in unsere Arbeit zu involvieren.

Dies geschah erstmals mit dem Kinderbuchprojekt “El Cacheton”, eine von Visionskindern erfundene und illustrierte Geschichte, die in der Schweiz veröffentlicht wurde. Mit dem Erlös des Buchverkaufs wurde das Stipendienprogramm möglich. Jeder der erfolgreichen 50 Visionsfrauen wurde ein Stipendium für eines ihrer Kinder zugesprochen.

Die Nachricht über das kombinierte Angebot von Mikrokrediten, Unternehmerinnenausbildung und Schulstipendien sprach sich in Windeseile herum. Über 200 Frauen und deren Kinder bewarben sich in Jahr 2012 für die Teilnahme.

Rosalia wurde zur selbständigen Ausbildnerin, die ihre eigenen Frauengruppen betreute. Volontäre sowohl aus dem lokalen als auch internationalen Kontext begannen für das Frauen- oder Kinderförderungsprogramm zu arbeiten.

Ende 2012 wurde die Bar geschlossen und ich widmete mich ausschliesslich der Institutionalisierung von Vision Guatemala. Wir mieteten ein kleines Büro mit Schulungsraum und luden weitere Frauen und deren Kinder zur Teilnahme ein.

Der Schweizer Verein Vision Guatemala wurde gegründet und damit langfristige Partnerschaften zu Schweizer Stiftungen, die die Vision finanziell unterstützen, etabliert.

2013-2014

Aus San Pedro, San Juan und San Marcos kamen immer mehr Gruppen zu Vision Guatemala. Wir sahen uns gezwungen, nach einer grösseren Lokalität Ausschau zu halten. Kurz darauf zogen wir ins neue Visionshaus in San Juan ein, wo mittlerweile die meisten unserer Mitgliederfamilien wohnen. Der Umzug hatte keinen negativen Einfluss auf die Teilnahme der Gruppen aus den anderen Dörfern, die weiterhin am Programm teilnahmen, da sie dessen Nutzen für ihr Leben und das ihrer Kinder erkannt hatten.

Die finanzielle Unterstützung ermöglichte zwar den freien Zugang zur Schulbildung, allerdings hatten viele unserer jungen Teilnehmenden Mühe, der Schule zu folgen. Wir waren mit einer komplexeren Situation konfrontiert und suchten nach Lösungen, die aus der Erfahrung entstanden. Ein umfassendes Nachhilfe- und Förderunterrichtsprogramm wurde geschaffen und gleichzeitig ein lokales Team von Lehrern für den Unterricht ausgebildet. Um die Kinder zur aktiven Teilnahme zu motivieren, boten wir neben den regulären Schulstunden auch künstlerische Aktivitäten und Exkursionen.

2015

Unser zu Grunde liegender Anspruch an die Frauen und deren Kinder, selbständig zu werden, führte im Mitgliederkreis zu Konflikten. Während viele Familien sich selbst als “Begünstigte” von Hilfeleistungen betrachteten, wollte Vision Guatemala sie befähigen und bemächtigen, aus ihrer Opferrolle aus eigener Kraft auszubrechen. Dafür war eine Öffnung der Mentalität notwendig, zunächst der Mitglieder des lokalen Kernteams und darüber hinaus in den Köpfen der Mitglieder und schlussendlich in der gesamten Gemeinde.

Das Stipendienprogramm diente zwar der Motivation unserer Frauen für die aktive Mitarbeit, jedoch war ihr Beweggrund oftmals die Hoffnung, eine Gegenleistung in Form einer “Belohnung” für ihre Anstrengungen zu erhalten. Diese Haltung passte nicht in unser Konzept. Bildung ist kein Geschenk, sondern eine Investition, an der alle gleichermassen beteiligt sind.

Bis Mitte 2015 hatten wir das komplexe Stützunterrichts-System, das bei ungenügenden Schulleistungen obligatorisch zu besuchen war, komplett abgeschafft. An seine Stelle trat eine alternative Bildungs-Plattform, die einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt und vom lokalen Bildungssystem stark abweicht.

Anstelle von Schulunterricht in verschiedenen Fächern fokussierten wir uns auf das “Lernen” als Thema an sich. Kunst in allen Formen, unkonventionelle Lernmethoden und Outdoor-Aktivitäten machten das neue Paket unvergleichbar attraktiv für unsere Kinder und Jugendlichen. Am Ende des Jahres zählte das Programm über 70 regelmässige Teilnehmende aller Altersklassen zwischen vier und 20 Jahren, die keinen der Workshops verpassen wollten. Ihr Interesse am Lernen stieg, sie wurden kommunikativer und zeigten mehr Eigeninitiative.

Die Wachstumsjahre hatten zur Notwendigkeit der Systematisierung geführt. Das Frauenföderungsprogramm wurde seit Beginn gut dokumentiert und strukturiert. Nach und nach wurden organisationelle Formalisierungsprozesse, die Implementierung von Erfolgs- und Wirkungsmessung auf allen Ebenen sowie das systematische institutionelle Lernen höchste Priorität.

2016

Die Visionsgemeinde hat evolutioniert. Die Teilnahme basiert auf intrinsischer Motivation und wird gleichzeitig strikt evaluiert. Wer nicht aktiv mitmacht, scheidet aus. Das Jahresziel 2016 wurde vom ganzen Visionsteam gemeinsam festgelegt: Wir wollen das Paradigma des “Gebens und Nehmens” durchbrechen. Stattdessen steht die Vision für einen gleichberechtigten Wissens- und Erfahrungsaustausch aller Beteiligten, der zur gemeinsamen Schaffung einer neuen Realität führt.

Damit war der “akademische Austausch” geboren, eine Abmachung zwischen Eltern, Kindern und Jugendlichen und der Institution, die “vertraglich” die Investition in die Bildungszukunft festlegt und von allen Beteiligten verstanden und gelebt wird. Zudem wurde ein drittes Programm geschaffen: Ganzheitliche Gesundheit und Wohlbefinden. Dieses vereint die beiden Publikumsgruppen Frauen und Kinder. Die Visionsmitglieder widmen nun ihre Zeit und Energie einem ganzheitlichen Gesundheitsbewusstsein und ändern dementsprechend nach und nach alte Gewohnheiten.

Einige unser jungen Teilnehmenden haben bereits eigene Initiativen in ihrer Gemeinde gestartet und werden zu aktiven Mitbürgern.

Der erste Visionsladen Qa’ B’atz, ein kleines Geschäft, das Material an lokale Weberinnen verkauft, wurde zum erfolgreichen Business-Modell und dient so als Lernplattform, sowohl für die Mitarbeitenden als auch für die Kleinunternehmerinnen. Im Ladenlokal in San Marcos werden die Ausbildungsgänge für Frauen gehalten.

Organisationelles Lernen ist zur Stärke von Vision Guatemala geworden. Die interne Aus- und Weiterbildung wurde soweit professionalisiert, dass mittlerweile die Visionsmitarbeitenden als überdurchschnittlich kompetent auf dem lokalen Arbeitsmarkt anerkannt werden.

Aktuelle Schwerpunkte der Visionsarbeit sind der laufende Wissens- und Fähigkeitsaufbau des Visionsteams, die Systematisierung der Wirkungsmessung sowie der Ausbau von Netzwerken.